Hey!
Wir alle haben die knallbunte, geblümte Dederonschürze von unseren Omas im Gedächtnis und diese Stoffbeutel, die ältere Leute seit Jahrzehnten benutzen. Schon mal darüber nachgedacht, warum dieses Material erstens unkaputtbar zu sein scheint und zweitens höchstens noch in Verbindung mit „Vintage“, „Ostalgie“ und „Oma“ benutzt wird? Wie kann ein Meilenstein der ostdeutschen Textilproduktion vom Hype-Produkt der 60er, 70er Jahre einfach so von der Bildfläche verschwinden? Jetzt werdet ihr denken: „Was kommt die uns mit so einem Gelaber über Dederon, interessiert doch keinen!“ Tja, so ging es mir auch anfangs.

Aber betrachtet man Dederon aus mehreren Blickpunkten, ist er Sinnbild für die Wirtschaftsweise der DDR, erklärt das Konsumverhalten unserer Eltern und Großeltern und beweist spätestens, dass Musterzeichner und Designer jener Zeit unglaublich mutig und unangepasst gestaltet haben. Von wegen der Osten war grau. Außerdem wäre doch mindestens der Dederonbeutel ein würdiger Ablöser der Plastiktüten. Er passt wunderbar zu dem immer größer werdenden Bewusstsein über Nachhaltigkeit und Wertschätzung lokaler, qualitativ hochwertig produzierter Waren.

Woher kommt der Dederon?

Wenn du bis hier gelesen hast, alle Achtung! Dann habe ich jetzt deine Aufmerksamkeit für die wirklich harten hard facts…
Also am Anfang war da Nylon.Aus Amerika. Es handelt sich hier um die erste voll synthetisch hergestellte Kunstfaser aus vereinfacht gesagt Kohlenstoff, Wasser und Luft. Die deutsche Antwort darauf war Perlon, was 1938 von Herrn Schlack für die I.G.-Farbenindustrie in Berlin entwickelt wurde. Die Entwicklungszeit verrät eigentlich schon die erste Verwendung des Polyamids: Krieg. Fallschirme, Flugzeugreifen und Bürsten zur Reinigung von Waffen zum Beispiel. Nebenher noch als Zahnbürste und Damenstrumpf. Dazwischen passierte nicht viel, bis 1959 endlich die ostdeutsche Antwort auf Nylon und Perlon folgte. Das Polyamid 6 bekam den unglaublich kreativen Handelsnamen „DeDeRon“ (DDR+on). Ein Kunststoff bekommt den Namen eines Staates.

Kunstseide in der Bekleidungsindustrie, Achtung Chemie!

Nylon, Perlon und Dederon gehören chemisch gesehen zu der Polyamidgruppe. Sie sind sich sehr ähnlich, es gibt aber feine Unterschiede in der Herstellung und der chemischen Zusammensetzung. Ein Polymer bezeichnet dabei einen chemischen Stoff, der aus Makromolekülen besteht, welche wiederum aus mehreren Struktureinheiten bestehen. Man kann sich das vereinfacht als Perlenkette vorstellen, jede Perle hat die gleiche Bauart. Die aufgefädelten Perlen sind durch die Kette verbunden und bilden einen Strang. Nun gibt es sie in weiß, creme oder rosafarben. Das sind dann diese kleinen Unterschiede, wie bspw. zwischen Nylon und Dederon.

Nylon ist ein PA6.6 [(–NH–(CH2)6–NH–CO–(CH2)4–CO–)n+ 2n H2O], wobei die Zahlen hinter PA die Kohlenstoffatome aus Diaminen und Dicarbonsäuren bezeichnen. Es wird aus Hexamethylendiamin und Adipinsäure hergestellt und ist Produkt einer Polykondensation unter Wasserabspaltung.

Die berühmten Nylons waren die ersten aus Kunstseide bestehenden Strumpfhosen und wurden weltweit zu einem Verkaufschlager. Ganze Generationen verbanden damit den Sexappeal von Filmstars und Mannequins. Neben der Erotisierung von Frauenbeinen, wurden sie als inoffizielle Währung bzw. Tauschware benutzt. Übrigens verhalfen die Nylons später auch dem Minirock zu seinem Siegeszug.

Perlon und Dederon gehören zur Gruppe PA6[ ((–NH–(CH2)5–CO–)n)] und sind Polyamide, die sich durch Ringöffnungspolymerisation aus ε-Caprolactam mit Wasser als Starter bilden. Das wird jetzt ein Schock für alle, die sich jahrelang auf den Unterschied zwischen Perlon und Dederon festgenagelt haben. Sie sind chemisch das Gleiche! Was das über die Kunststoffforschung der DDR zu verraten hat, sei jetzt dahingestellt…

Polyamid, der bunte Lieblingskunststoff

Beide Polyamide wurden zunächst für hochwertige Bekleidung verwendet, wie Blusen,Hemden, natürlich auch Strümpfe. Größter Nachteil war das Schwitzen in diesen Klamotten, was jedoch der Beliebtheit keinen Abbruch tat. Erst als die Kunstseide in Massenware hergestellt wurde, kamen auch die Dederonschürze und der „Falls-Beutel“. (Der Beutel, der für alle Fälle immer in der Handtasche stak, falls es plötzlich Ware zum Anstehen gab.)

Das mit Abstand tollste Feature des Dederon ist seine gute Färbbarkeit und dass man ihn in leuchtenden Farben bedrucken kann. Für die Musterzeichner und Designer von damals eine tolle Gelegenheit in den Farbtopf zu greifen. Auch in der Bevölkerung erfreute sich Jung und Alt an den nie da gewesenen knalligen Kleidungsstücken. Das das Polyamid auch noch super einfach zu reinigen geht, schnell trocknet, sehr elastisch und leicht ist, brachte es zu einer kleinen textilen Revolution. Schnell erkannten die DDR- Staatsoberhäupter das Potenzial zur ökonomischen, kreativen und gleichzeitig uniformen Nutzung des Stoffs in Form der Kittelschürze. Das ist aber schon wieder eine andere Geschichte…

Dederon im Hier und Jetzt

Neben seiner geschichtlichen Relevanz, gilt es diese Kunstseide auf ganz neue Art und Weise zu interpretieren. Ich habe mir eins, zwei Meter beschafft und werde sie nach Designer- Manier gründlich untersuchen und zu neuen Produkten formen. Bleibt gespannt! Nebenbei wird der angestaubte Dederonbeutel „neu erfunden“ und im Handsiebdruck in meiner Werkstatt veredelt. -> hier Mein Beutel

PS. Hier noch ein kleiner Funfact: Die Massenproduktion von Dederon und dessen Verwendung als Kleidungstück aller Art kurbelte auch einen anderen Wirtschaftzweig an, die Deoproduktion.

Jetzt habt ihr einen Einblick zum Thema Dederon bekommen. Was ist eure Erinnerung an die Kunstseide? Kennt ihr jemanden, der eine Kittelschürze oder einen Dederonbeutel zu Hause hat? Lasse gerne einen Kommentar hier, ich bin gespannt auf eure Meinung!

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit und bis zum nächsten Mal,

eure Ms.Hey!